Werte I Machen I Sinn
Kraft, Mut und Zuversicht schöpfen. Krisen überwinden. Teil 2.

Zeitlos aktuell & relevant – für den Einzelnen, die Gemeinschaft, Arbeitswelt & Management

„Alle Menschen san ma zwider, i möchts in die Goschn haun. Allen Menschen bin i zwider, sie wollen mir in die Goschen, haun, …. dabei bin i mi selber zwider…… Selbstkritisch parodierte Kurt Sowinetz 1972 die Strophe „alle Menschen werden Brüder“ aus Schillers „Ode an die Freude“, letzter Satz der neunten
Sinfonie Ludwig van Beethovens. Und bevor wir vor diesem idealistischen Anspruch „alle Menschenwerden Brüder (und Schwestern) kapitulieren, sollten wir das Menschenbild der Sinnlehre von Viktor Frankl zu Hilfe nehmen. Es appelliert schlicht an uns, jeden einzelnen Menschen in seiner Einmaligkeit und Einzigartigkeit vorbehaltlos anzunehmen. Aber erst in der Gemeinschaft, in der Verbindung von ICH und WIR, erfüllt sich der Sinn dieser Individualität. Wo der Einzelne in der Gemeinschaft aufgeht, geht er in der Masse unter. Frankl veranschaulicht dies mit dem Bild des „individuellen“ Mosaiksteinchens im Vergleich zum genormten Pflasterstein im einheitlichen grauen Straßenpflaster. Gerade jetzt in der Coronakrise spüren und erleben wir, dass Menschen soziale Wesen und aufeinander und auf die Gemeinschaft angewiesen sind. Es ist weder zumutbar noch schaffbar, die Belastungen und Einschränkungen, vor allem
aber Isolation und Einsamkeit, allein auf sich gestellt auszuhalten. Jeder einzelne Mensch muss sein konkretes und persönliches „WOZU“ finden, um mit dem Leben, mit den Anderen in Verbindung zu bleiben. Wer ein WOZU hat, hat auch ein WIE, zitiert Frankl Nietzsche. Ein WOZU, das Kraft und Hoffnung verleiht,
die gegenwärtigen Einschränkungen in Würde auszuhalten. Die Suche nach diesem konkreten WOZU führt den Menschen in sein „Reich der Möglichkeiten“. Die Verwirklichung von Werten und das Gewissen sind Schlüssel und Schloss, den Zugang zu seinem jeweiligen, individuellen Sinn zu finden. Sei es in einer
Aufgabe, in der Hinwendung zu einem geliebten Menschen oder in der Einstellung, eine konkrete Situation zu erdulden und, wo möglich, noch gestalten zu können. Doch bereits im Aufbruch zu dieser Sinnsuche bleiben Menschen oft in ihrer „Individualität stecken. Sie bleiben Gefangene ihres „so bin ich“ (und so bleib ich) und vergessen oder übersehen die jederzeit bestehende Möglichkeit, immer auch noch anders werden zu können. Beispiele für solche Einengungen
des Handelns sind die drei Problemfelder: Ambivalenz – Nichtakzeptanz und Ignoranz.

Ein Panzer aus Gleichgültigkeit und Ablehnung

Die Ambivalenz beschreibt den hin und hergerissenen Menschen. Er möchte sich zwar für eine konkrete Möglichkeit entscheiden, wehrt sich aber gleichzeitig gegen die daraus folgenden Konsequenzen. Man schätzt die Ehre eines Amtes, aber nicht die damit verbundenen Pflichten, Verpflichtungen. Auch EhrenAmt und Verantwortlichkeit lassen sich nicht trennen. Etwas „nicht akzeptieren wollen“ ist typisch für Menschen, die auf jede (schicksalshafte) Herausforderung mit einem sich aufbäumenden Nein reagieren und in einer ständigen Protesthaltung verharren. Die Einstellung „Was kümmerts mich ?“, wiederum ist
Ausdruck von Ignoranz, die gerne als Selbstschutz vorgeschoben wird, um sich von heiklen Themen „nicht berühren zu lassen“. Ignorante Menschen spannen über die Jahre einen Panzer aus Gleichgültigkeit und Ablehnung um den weichen Kern ihres Inneren. Sie sehen nur mehr ihre eigene Welt und ignorieren ihre
Mitmenschen. Sie schließen sich zunehmend aus der menschlichen Gesellschaft aus und brauchen einen immer dickeren Panzer, um damit leben zu können. Zunehmend verlieren sie den Kontakt zu ihrem Innersten.
Was tun ? Wie kann der Mensch mit seinem „so sein“ umgehen ? Frankl appelliert an die Fähigkeit des reifen, (erwachsenen) Menschen zur „Nach-Erziehung“. Voraussetzung dafür ist die Einsicht, sich selbst
gegenüber treten zu können und Entscheidungen, die das eigene „so sein“ ausmachen, zu reflektieren. Über Selbstdistanz und Selbstreflektion entwickelt sich die Persönlichkeit. Frankl beschreibt das so: „der Mensch hat einen Charakter und ist eine Person. Und erst mit der Summe der guten Entscheidungen entwickelt er sich zur Persönlichkeit“.

Ich, Ichher, am Ichsten

Nur dem Maßstab des eigenen Selbst verpflichtet, endet eine vom Zeitgeist diktierte Fokussierung auf die eigene Person, das ich-bezogene Streben nach Selbstverwirklichung, nur zu leicht in einer Spirale grübelnder, um sich selbst kreisender Gedanken: Die Orientierung an Werten und am Gewissen schützt
den Menschen vor einer Überinterpretation seiner Persönlichkeit als „Ich – Icher – am Ichsten“. Frankl nennt das Gewissen das SINN-Organ des Menschen und meint damit ein allgemeines Verständnis von Werten und die intuitive Fähigkeit, das objektiv Sinnhafte einer Situation zu erkennen und zu verstehen.
Auf die Stimme des Gewissens zu hören heißt, sein Verhalten nicht von der Angst vor Strafe oder der Aussicht auf Lohn bestimmen zu lassen. Wie ein Kompass, zeigt auch das Gewissen immer in die „richtige Richtung“. Gleichzeitig schließt das Gewissen auch den jeweiligen Sinn und die Wertewelt der Anderen mit
ein und zeigt somit immer auch die Grenzen des eigenen Handelns an. Der Mensch hat die Wahl und muss sich entscheiden, zwischen sinnerfüllend oder sinnwidrig, richtig oder falsch. Er kann dem Kompass seines Gewissens folgen, oder eben auch nicht. Sich in jeder Situation immer noch „so oder so“
entscheiden zu können, ist Ausdruck menschlicher Freiheit und Verantwortlichkeit im Menschenbild der Sinnlehre. Die aktuelle Situation stellt uns vor große Herausforderungen und macht Angst. Die „Alten“ werden als Risikogruppe in die Isolation und Einsamkeit abgeschoben. Den „Jungen“ wird ein „Verlust an Zukunft“ vorausgesagt. Und in diesem Klima aus Unsicherheit und Ungewissheit, sollen wir trotzdem gute Entscheidungen im Umgang mit uns selbst und unseren Mitmenschen treffen und durch die Nebelwände von Verschwörungstheorien und „fake news“ die Orientierung nicht verlieren. Wir sollten es uns aber nicht so einfach machen, eine aufkommende SINN-LEERE (nur) auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen zurückzuführen. Für viele sind die Ziele der Wohlstandsgesellschaft erreicht. Und gleichzeitig wird mehr und mehr bewusst, dass zunehmende Kleidergrößen und schwerere Geldtaschen das Vakuum
einer sich ausbreitenden SINN-LEERE nicht auffüllen können. Schon Frankl hat ein solch aufkommendes Sinnlosigkeitsgefühl als „Pathologie des Zeitgeistes“ bezeichnet. Er beschreibt diesen Zustand als „existentielle Frustration“ und fasst ihn als Instinktverlust-Traditionsverlust und Zukunftsverlust zusammen.
In der Ausprägung dieser Verluste, im Handeln und Verhalten vom „ICH und WIR“, unterscheidet Frankl vier gesellschaftliche Verhaltensweisen:

  1. Provisorium
  2. Fatalismus
  3. Fanatismus
  4. Kollektivismus.

Menschenbild der Sinnlehre

Das Merkmal des Provisoriums ist „das sorglose in den Tag Hineinleben“. Charakteristisch ist ein unverantwortliches Dahinleben aus einem Mangel an Urvertrauen und die Überzeugung von der Unnötigkeit eigenen Handelns und das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen. Beschreibt das Provisorium die Unnötigkeit eigenen Handelns, kennzeichnet den Fatalismus die Überzeugung von der Unmöglichkeit, sein Leben, sich selbst, gestalten und verändern zu können. Der Fatalismus drückt sich in der Unterwerfung eines schicksalshaft vorbestimmten Laufs der Ereignisse aus. „Wer sein Schicksal für
besiegelt hält, ist außerstande, es zu gestalten“. Der fanatische Mensch ignoriert diese Einmaligkeit und Einzigartigkeit der Person im Menschenbild der Sinnlehre. Er lehnt die Persönlichkeit des Anderen, die anders Denkenden ab. Er will den Begriff der Toleranz nicht akzeptieren, nachdem es nicht darauf
ankommt, die Ansicht eines anderen zu teilen, sondern dass man dem anderen das Recht einräumt, überhaupt anderer Ansicht zu sein. In Abgrenzung zum Fanatismus verleugnet der Kollektivismus die
eigene Persönlichkeit und Individualität. Verallgemeinerungen und Pauschalierungen stellen eine Flucht vor Verantwortlichkeit dar und führen zu Vor-Verurteilungen und Abwertung des „anders sein“. Konformität,
im Gegensatz zu Vielfalt, gilt als kontrollier- und steuerbar und ist Ausdruck von Stabilität, Sicherheit, Zugehörigkeit und Identität.

Das Gestalten

„Die Zukunft war früher auch besser“. Nur allzugerne neigen wir dazu, Karl Valentin hier zuzustimmen. Dabei unterschätzen und übersehen wir oft die vielen Möglichkeiten, die wir in der „kleinen Welt“ um uns vorfinden, Zukunft sinnvoll zu gestalten. Und ums Gestalten geht es auch im dritten und letzten Teil. Die Anwendung der SINN-LEHRE in Arbeitswelt und Management hat Walter Böckmann in dem Satz zusammengefasst: „Wer Leistung fordert, muss Sinn bieten“.

Ing. Mag. Karl-Heinz Krammer,

Lebens und Sozialberater unter Supervision, Unternehmensberater
www.leankin-partner.com