Werte I Machen I Sinn
Kraft, Mut und Zuversicht schöpfen. Krisen überwinden. Teil 3.

Zeitlos aktuell & relevant – für den Einzelnen, die Gemeinschaft, in Arbeitswelt & Management

Anwendung der Sinnlehre in Arbeitswelt und Management. An den Anfang stelle ich die Herleitung eines weitverbreiteten, traditionellen Berufsbildes von Management, mit dem die Begriffe, Autorität, Macht und
Hierarchie eng verbunden sind. „Anschaffen und Kontrolle“ haben sich als Effizienztreiber für Fortschritt und Entwicklung durch technische Innovationen über viele Generationen bewährt und wurden, nicht zuletzt
deshalb, als zentrales Führungsprinzip kaum in Frage gestellt. Die heute anstehenden Probleme des „Weltzustandes“ können mit technischen Innovationen alleine nicht gelöst werden. Wir brauchen dringend
auch soziale Innovationen. Für das Management dieser Zukunftsaufgaben, für den „Beruf Management“ bedeutet soziale Innovation einen Paradigmenwechsel. Es braucht einen Kulturwandel, weg von autoritär hierarchisch praktizierter Führung durch Anschaffen und Kontrolle hin zu einem neuen Verständnis für „helfendes Management“ und „Führung mit SINN und WERTEN“. Mit dem zentralen Führungsprinzip „Führe, als ob du keine Macht hättest“, ist Führung mit SINN und WERTEN seit Jahrzehnten erfolgreich gelebte Praxis im LEAN MANAGEMENT SYSTEM. Der Name William E. Deming (1900-1993) ist mit diesem, Mitte der 1980iger Jahre geprägten Begriff für einen „neuen Managementansatz“, eng verbunden. Deming war Mitglied einer amerikanischen Delegation für die Unterstützung beim Wiederaufbau der japanischen Industrie nach dem 2ten Weltkrieg. Die Anwendung „praktischer Philosophie“ im Umgang mit dem Menschen, Führung mit SINN und WERTEN, ist eine der vier Säulen seines Managementkonzepts. Die Anwendung seiner Managementphilosophie hat Deming in seinen „14 Regeln für gutes und richtiges Management“ beschrieben.

Management als Beruf

In Lehre und Ausbildung ist Management noch eine junge Wissenschaft. Peter Drucker (1909-2005), ein gebürtiger Österreicher, hat erstmalig „Management als Beruf“, wissenschaftlich aufbereitet. Die Gültigkeit seiner Beschreibungen von Aufgaben und Inhalten für „richtiges und gutes Management“ hat alle bisherigen „Managementmoden“ überdauert. Als wichtigste Aufgabe einer Führungskraft beschreibt Drucker zuallererst sich selbst führen zu können. In diesem Anspruch kommt die Bedeutung der Entwicklung zur (Führungs-) Persönlichkeit, zum Ausdruck. Frankl beschreibt diesen Prozess einer dynamischen Persönlichkeitsentwicklung als Ergebnis aller guten Entscheidungen entlang der Orientierung an SINN und WERTEN. Der Mensch hat einen Charakter, ist eine Person und wird zur Persönlichkeit.

Der Bedarf nach Management, nach einer Funktion die dafür sorgt, dass Organisationen effektiv und effizient funktionieren, ist erst infolge der ersten industriellen Revolution entstanden. Vor Beginn der 1. Industriellen Revolution waren die Herrschaftsverhältnisse über Grund und Boden und über die Menschen, durch Kirche, Adel und Militär bestimmt. Die mit der Geburt verliehene, gesellschaftliche Vormachtstellung fand im aufkommenden „Industrieadel“, in der autoritären Verfügungsgewalt über die Mitarbeiterinnen Fortsetzung und Wandel. Die Entwicklung der industriellen Massenproduktion führte zu Spezialisierung und Arbeitsteilung. Die Trennung in planerische Kopfarbeit und ausführende Handarbeit erforderte neue Formen der Arbeitsorganisation. Das Fließband in den Automobilwerken von Henry Ford um 1900 war Ausdruck und Kennzeichen dieser Entwicklung. Die Mitarbeiterinnen waren auf die Funktion eines „menschlichen Automaten“ reduziert. In einem stabilen Umfeld, wo Ergebnisse der Vergangenheit inklusive
der Produktivitätssteigerungen linear in die Zukunft fortgeschrieben werden konnten, zeichnete sich der Taylorismus durch überlegene Effizienz aus.

Wer muss Sinn bieten

Im Wiederaufbau nach der Katastrohe des 2ten Weltkrieges war das vorrangige Ziel der Menschen, ihren Hunger nach materiellen Bedürfnissen zu stillen. Mit der Weitergabe des Wohlstandes auf die Generation der Erben, und so materiell weitgehend versorgt, rückt bei den Erben und Kindeskindern die Suche „nach
Sinn“ zunehmend in den Mittelpunkt. Es herrscht heutzutage eher ein „Mangel an Mangel“. Die alten Motivationswerkzeuge für „mehr Leistung gegen mehr Geld“ sind stumpf geworden. Macht und Autorität, die sich (alleine) auf hierarchischen Status berufen, verlieren in einem global vernetzten, dynamischen
Wirtschaftssystem an Bedeutung. Walter Böckmann(1923-2014), zeigt mit der Anwendung der Sinnlehre in Arbeitswelt und Management einen Ausweg aus dem Dilemma vor dem Management steht. Das Dilemma besteht in dem (vermeintlichen) Widerspruch, sich als einzelner mit den Mitmenschen sozial
verbunden zu fühlen und gleichzeitig in der überholten Vorstellung von der Maschinerie eines Unternehmens funktionieren zu müssen. Hans Ulrich,(1919-1997), Wirtschaftsprofessor in St. Gallen stellt der Maschinenmetapher seine Beschreibung eines Unternehmens als soziales, produktives System
gegenüber. Aber wie werden soziale Systeme geregelt und gesteuert ?. Bei mechanischen Systemen wissen wir wie es geht. Mehr Input führt zu mehr Output. Tempo machen, Gas geben, Druck erhöhen. Die Managerinnen „alter Schule“ stehen an den Macht-Hebeln dieser Maschinerie und merken schließlich, dass sie wenig direkten Einfluss darauf haben, was im Inneren eines sozialen Systems tatsächlich vor sich geht. Wenn wir der Beschreibung von Hans Ulrich, die Aussage von Niklas Luhmann (1927-1998) gegenüberstellen, wo er sagt, Kennzeichen sozialer Systeme sind SINN und KOMMUNIKATION, dann liegt darin die Antwort auf die Frage, wie und wodurch soziale Systeme geführt, wie sie geregelt und gesteuert werden. Niklas Luhmann, war der wichtigste deutschsprachige Vertreter der soziologischen Systemtheorie.

Frankl und Böckmann, sind sich erstmals bei einem Symposium des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI) im Jahre 1969, in St. Gallen begegnet. Die Veranstaltung trug den bezeichnenden Titel „Hemmende Strukturen in der Wirtschaft“. Böckmann, Soziologe, Managementtrainer, war von der Begegnung mit Frankl und seiner Sinnlehre wie „elektrisiert“. Endlich hatte er gefunden, was er bisher in der von ihm praktizierten Managementausbildung vermisst hatte. Drei Thesen beschreiben den Kern seiner Erkenntnisse:

Management = Leiten und Führen

Führung ist Motivation,

und Wer Leistung fordert, muss Sinn bieten.

Was ist Leitung?

Mit „Leitung“ fasst Böckmann alle Aufgaben und Verantwortlichkeiten auf der obersten Unternehmensebene für Strategie und Ausrichtung des Unternehmens zusammen. Führung erfolgt auf den mittleren und unteren Ebenen. Zweck von Führung ist, Strategie und Ausrichtung, Synonyme für den SINN des Unternehmens, in konkrete Aufgaben und Maßnahmen zu übersetzen. Nach Inhalt und Charakter der typischen Aufgaben ist Leiten sachbezogen, Führen personenbezogen. Möglicherweise liegt im Wissen um diese unterschiedlichen Aufgaben die Lösung für die häufigen Missverständnisse zwischen Leitung und Führung, zwischen „oben und unten“. Die Kommunikation, nach innen und außen, die Vermittlung von „Sinn und Werten“ des Unternehmens ist zentrale Aufgabe von Management, von Leitung und Führung. Eine glaubwürdige und authentische Kommunikation von SINN und WERTEN spinnt den verbindenden „roten Faden“ zwischen „oben und unten“, zwischen Strategie und Unternehmenszielen und den Aufgaben und Maßnahmen für deren Umsetzung. Die Ausrichtung an diesem „roten Faden“ vermittelt Identifikation mit dem Unternehmen und seinen Zielen und gibt den Mitarbeiterinnen Orientierung für ihr konkretes Handeln und für ihren individuellen Beitrag, diese Ziele umzusetzen.

„Wo „Können“ und „Dürfen“ sich treffen, wird „Wollen und Leisten“ ermöglicht“

Nach Frankl ist der Mensch ein Wesen auf der Suche nach dem Sinn. In der Arbeitswelt muss diese SINNSuche auf ein SINN-Angebot treffen. Oder anders ausgedrückt, „Wo „Können“ und „Dürfen“ sich treffen, wird „Wollen und Leisten“ ermöglicht“. „Dürfen“ steht hier auch als Synonym für die Anwendung praktischer
Psychologie nach Deming im Lean Management System. Es ist die Aufforderung an Management, Raum Möglichkeiten und eine Atmosphäre zu schaffen wo sich die Talente und Potenziale der Mitarbeiterinnen entfalten können. Denn Leistung im Sinne, zeigen zu können, „was einer, eine drauf hat“, wird immer nur freiwillig erbracht. Sie kann weder in den Menschen „hineinmotiviert noch herausgepresst“ werden. Mitarbeiter-Führung heißt demnach, dem individuellen Können, den jeweiligen persönlichen Fähigkeiten und den vielfältigen persönlichen Motiven mit einem SINN-Angebot „gerecht“ zu werden. So wie auch das Gras nicht schneller wächst, wenn man daran zieht, kommt es auch im Unternehmen auf die, Bedingungen 3 und das Umfeld an, „persönliches Wachstum“ zuzulassen, zu ermöglichen. Anmerkung:, „dabei ist ein SINN-Angebot, kein Ersatz dafür, was auf dem Lohnzettel steht“.

„Entweder oder“ bleiben, wenn „sowohl als auch“ gefordert wird.

Böckmann beschreibt mit seiner Sinnlehre in Arbeitswelt und Management ein Gegenmodell zu einer über viele Generationen von Führungskräften geprägten und weitergegebenen Vorstellung eines autoritärhierarchischen Managementstils. Die obige Herleitung von „Management als Beruf“ (F. Malik) soll die Bedeutung der Erkenntnisse Böckmanns in den aktuellen Kontext stellen. Wir sehen gerade jetzt, wie durch die Covid 19 Pandemie unsere „heile Welt“ der stabilen Bedingungen und Verhältnisse, gesicherter Annahmen und verlässlicher Planbarkeit ins Wanken geraten ist. Unvorhersehbarkeit, Unsicherheit, Unbestimmbarkeit zwingen uns dazu, unsere bisherige Komfortzone zu verlassen. Gefordert ist einerseits widerstandsfähige Robustheit und gleichzeitig die Fähigkeit, flexibel auf spontane Ereignisse re-agieren zu können. Wir erleben, (erstmals) konkret und hautnah an uns selbst, die Komplexität der Welt, in der wir leben. Wir stehen mittendrin und sind Teil der Vernetztheit und Gleichzeitigkeit von Ereignissen. Wir erwarten Klarheit und Eindeutigkeit in den Vorgaben und möchten nur allzu gerne in unserem angelernten und gewohnten Schema von „entweder oder“ bleiben, wenn „sowohl als auch“ gefordert ist. In einem komplexen, sich dynamisch verändernden Umfeld funktionieren Vorgaben als Handlungsanweisungen nur mehr bedingt. Wir sind gefordert, die Verantwortung und Kompetenz für unser jeweiliges eigenes Handeln um die Fähigkeit zu Selbstorganisation und Selbstmanagement zu erweitern. Ist das das „Ende von Management“ ? So wie wir bisher Management verstanden haben eher ja. Es bedarf eines Kulturwandels hin zu einem „helfenden Management“,(Edgar Schein) Vom Anschaffer und Macher zum „Ermöglicher“ von neuen kreativen Lösungen. Management muss Orientierung geben. Über die Vermittlung von Sinn und Werten des Unternehmens durch Kommunikation und Feedback, werden die Mitarbeiterinnen in die Lage versetzt ihre jeweilige individuelle Handlungsstrategie als Beitrag für das sinnvolle größere Ganze, die Unternehmensziele zu verstehen und danach auszurichten. Entscheidend dabei ist „Dürfen“ als Erfahrung der eigenen Selbstwirksamkeit zu erleben. „Dürfen“ als Ergebnis gegenseitiger Zu-Arbeit, von Koordination
und Kooperation mit anderen, für das gemeinsame Ziel.

Zusammenfassung

Führung mit „SINN und WERTEN“, die Anwendung der Sinnlehre von Viktor Frankl in Arbeitswelt und Management, leitet einen Paradigmenwechsel von der traditionell, hierarchisch autoritär
geprägten Auffassung von „Management als Beruf“ zu einem „helfenden Management“ ein. Ausbildung, Befähigung und Einbeziehung aller Mitarbeiter*innen als „Problemlöser“, die Vielfallt der Talente machen
das (soziale) System Unternehmen gleichzeitig robust und anpassungsfähig im Umgang mit Krisen. Management muss die glaubwürdige Vermittlung von SINN und WERTEN des Unternehmens in den Fokus stellen. Die Kultur, der gepflegte Kult, hierarchischer Autorität, von Anschaffen und Kontrolle als Führungsprinzip, werden in einem Unternehmen als soziales, produktives System durch Sinn, Kommunikation und Feedback, Selbstorganisation und Selbstmanagement, abgelöst.


Ich hoffe und würde mich freuen, wenn es mir gelungen ist, Ihnen mit meinen drei Beiträgen die Sinnlehre von Viktor Frankl näher gebracht zu haben. Schließen möchte ich mit zwei Zitaten von Vaclav Havel, (1936-2011), dem früheren Präsidenten der Tschechischen Republik.

„Bildung ist die Fähigkeit, die verborgenen Zusammenhänge zwischen den Phänomen wahrzunehmen“.

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung ,dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht“.

Gerne höre ich von Ihnen. Alles Gute, bleiben Sie gesund. Halten wir dagegen.


Ing. Mag. Karl-Heinz Krammer

Lebens und Sozialberater in Supervision, Management- & Unternehmensberatung, persönliches Coaching

www.leankin-partner.com